10. Kapitel

Brüderliche Liebe und Versöhnlichkeit

 

Streit solltet ihr eigentlich gar nicht haben oder möglichst schnell beendigen. Sonst wird Zorn zu Hass, macht aus dem Splitter einen Balken und aus der Seele eine Mörderin. Denn so steht geschrieben (1 Joh 3, 15): „Wer seinen Bruder hasst, ist ein Mörder.“

Wer durch ein Schimpfwort, durch üble Nachrede oder gar den Vorwurf eines Vergehens jemand verletzt hat, der soll sehen, dass er so schnell wie möglich das wiedergutmacht, was er angerichtet hat. Der Beleidigte aber verzeihe ohne lange Verhandlungen. Haben sie aber einander beleidigt, so müssen sie sich auch gegenseitig die Schuld vergeben - um eurer Gebete willen. Je häufiger ihr betet, desto besser sollt ihr beten. Denn wenn einer rasch zornig aufbraust, dann aber schnell um Verzeihung bittet, wenn er merkt, dass er Unrecht getan, ist er besser als einer, der nicht so schnell zornig wird, sich aber auch nur schwer zur Abbitte bereit findet. Wer seinem Bruder nicht vergeben will, darf keine Frucht aus seinem Gebet erhoffen.



Wer aber niemals um Verzeihung bitten will oder nicht aus ehrlichem Herzen bittet, ist ohne Berechtigung im Kloster, selbst wenn man ihn nicht hinausweist. So hütet euch denn vor verletzenden Reden; sind sie aber eurem Munde entschlüpft, dann sträubt euch nicht, mit demselben Mund, der die Wunde geschlagen hat, auch das Heilmittel zu bieten. Wenn die Notwendigkeit, Zucht und Ordnung aufrechtzuerhalten, euch zu harten Worten verleitet und ihr selbst spürt, dass ihr darin das rechte Maß überschritten habt, so wird von euch doch nicht verlangt, eure Untergebenen um Verzeihung zu bitten; es könnte sonst bei denen, die nun einmal untertan sein müssen, durch eine übertriebene Demut die Achtung vor der Amtsgewalt untergraben werden. Den Herrn aller Menschen müsst ihr aber um Verzeihung bitten, der weiß, mit welch wohlwollender Liebe ihr auch denen zugetan seid, die ihr vielleicht zu hart getadelt habt. Jedoch nicht sinnlich, sondern geistig soll eure Liebe zueinander sein.

zurück